Warum der Pali-Kanon nicht nach Tibet kam

(WEITERE ARTIKEL UND TEACHINGS ZUM DOWLOADEN FOLGEN HIER IN KÜRZE)

INNERBUDDHISTISCHER DIALOG
FRANZ-JOHANNES LITSCH ZUR DISKUSSION GESTELLT

Nach Meinung des Autors wissen wir nicht genau, was der Buddha wirklich gelehrt hat. Diese Tatsache bereite allen seinen Nachfolgern bis heute Probleme und sei Ausgangspunkt für die unterschiedlichen Ansichten und Schulspaltungen. Der Autor wehrt sich in seinem historischen Exkurs gegen das hierarchische System des tibetischen Buddhismus, der sich bisher selbst die höchste Position im Gesamtbuddhismus einräume und damit die Hauptquelle für innerbuddhistische Konflikte im Westen sei.

Die gängige Beschreibung der buddhistischen Hauptschulen
Machen wir heutzutage den Versuch, uns über die Geschichte sowie die Schulen und Lehren des Buddhismus zu informieren, begegnen wir sehr bald folgender Aussage: Es gibt drei große Traditionen oder „Fahrzeuge“ des Buddhismus, nämlich 1. das Hinayana, 2. das Mahayana, 3. das Vajrayana. Das Hinayana (kleine Fahrzeug) ist der frühe indische Buddhismus, den es heute noch in Sri Lanka und Südostasien gibt und der sich selbst Theravada (Lehre der Älteren) nennt. Das Mahayana (große Fahrzeug) ist der spätere indische Buddhismus, den wir noch in Ostasien finden und der auch dem tibetischen Buddhismus zugrunde liegt. Das Vajrayana (Diamantfahrzeug) ist die Weiterentwicklung des indischen Mahayana zum Tantrismus, der heute vor allem in Tibet zu Hause ist.
    Alle drei Fahrzeuge, so heißt es, hat Buddha Shakyamuni in „drei Drehungen des Dharma-Rades“ gelehrt; sie stellen drei Stufen der Einsicht dar. Diese stehen in Zusammenhang mit drei Stufen der Verwirklichung des Buddha-Wegs, nämlich 1. dem Shravaka-Arhat (Heiligen, Hörer eines Buddha), 2. dem Pratyeka-Buddha (Alleinverwirklicher) und 3. dem Bodhisattva-Buddha (Vollkommenen Buddha). Von diesen wird gesagt: Der Shravaka oder Hinayana-Anhänger ist von geringer Einsichtsfähigkeit und Motivation gekennzeichnet, benötigt die Unterweisung eines Lehrers und strebt nur nach seiner eigenen Befreiung vom Leiden. Der Pratyeka-Buddha besitzt höhere Einsichtsfähigkeit und Motivation, gelangt aus eigener Kraft zur Buddhaschaft, ist aber nicht in der Lage, den Weg zu lehren. Der Bodhisattva-Buddha und Mahayana- oder Vajrayana-Anhänger schließlich verfügt über die höchste Einsichtsfähigkeit und Motivation und geht den Bodhisattva-Weg, bei dem er auf die eigene vollkommene Leidensbefreiung (Nirwana) vorläufig verzichtet, um allen leidenden Wesen sowohl auf dem Weg wie auch in ferner Zukunft als vollständig erwachter Buddha zu dienen.(1)
    Des Weiteren wird gelehrt, es gibt vier philosophische Schulen des Buddhismus, nämlich: 1. Vaibhashika (auch Sarvastivada), 2. Sautrantika, 3. Vijnanavada (auch Yogacara oder Cittamatra) und 4. Madhyamaka. Von diesen sind die ersten zwei Hinayana-Schulen, die letzten beiden Mahayana-Schulen.

„Gibt es einen schlechten Buddhismus in Südostasien, einen mittelguten in Ostasien und einen vollkommenen in Tibet?“

Der Unterschied besteht darin – so wird gesagt –, dass die Hinayana-Schulen nur die Einsicht in das Nicht-Ich der Person (die Leerheit des Selbst) kennen, während die Mahayana-Schulen auch über die Einsicht in das Nicht-Ich der Dinge (die Leerheit der Phänomene) verfügen. Der Madhyamaka wird wiederum in zwei Unterschulen geteilt, den Svatantrika-Madhyamaka und den Prasanghika-Madhyamaka, von denen in der tibetischen Gelug-Schule die letztgenannte als die höchste Sichtweise gilt.(2) Die Karma-Kagyü lehren noch eine weitere Stufe, unterscheiden zwischen Rangtong-Madhyamaka – zu denen sie die zuvor genannten beiden Schulen zählen – sowie Shentong-Madhyamaka und halten diese für die höchste und identisch mit dem Vajrayana oder Tantrayana.(3)
    Wir begegnen in all diesen Darstellungen einem hierarchischen System, das dem tibetischen Buddhismus die höchste Position im Gesamtbuddhismus zuweist und innerhalb dessen sich jede seiner Unterschulen noch mal über die anderen setzt. Es ist auch die Beschreibung, die im tibetischen Buddhismus gegeben wird und die im Westen heute dominierend geworden ist. Es liegt nahe, dass sie von den nicht-tibetischen Schulen kaum akzeptiert werden kann. Schon das Mahayana in Ostasien, die Lotos-Schule, die Reine-Land-Schule, die Avatamsaka-Sutra-Schule (Kegon), der Chan, Son, Tien, Zen, selbst das japanische Vajrayana (Shingon) vertreten davon abweichende Sichtweisen. Hier hat der Buddha zum Beispiel im Saddharmapundarika-Sutra (Lotos-Sutra) die Lehre vom Ekayana, vom „Einen Fahrzeug“ gelehrt, in der die Lehre von den drei Yanas wiederum als eine für Schüler von begrenzter Einsicht gilt. Der Theravada schließlich, der von den anderen beiden großen Traditionen mit dem Hinayana gleichgesetzt und auf der untersten Ebene angesiedelt wird, kann dieser Darstellung überhaupt nicht zustimmen und empfindet sie – sowohl was die Beschreibung der Lehre wie der Praxis betrifft – als grob verfälschend und herabsetzend. Zumal hier nicht nur die älteste buddhistische Schule, sondern gleich mehrere Völker und Länder, in denen der Theravada als einzige Form des Buddhismus verbreitet ist, mit abgewertet werden.

„Bis heute wissen wir auch nicht, in welcher Sprache der Buddha gelehrt hat.“

Umgekehrt sieht sich der Theravada wiederum als die einzige Schule, die noch die ursprüngliche Lehre und Praxis des Buddha kennt und lehrt. Auch hier werden Vorurteile und Abneigungen gegenüber den anderen buddhistischen Traditionen gepflegt. Doch eines unterscheidet hierbei den Theravada vom Mahayana. Im Theravada gibt es keinerlei offizielle Texte und Lehren, die über das Mahayana oder Vajrayana Aussagen machen und Urteile abgeben, während die oben dargestellten Wertungen zur offiziellen und vielfach wiederholten Kernlehre des Mahayana und Vajrayana gehören.
    Gezielte Verächtlichmachung von Seiten des Mahayana beinhaltet bereits der Begriff „Hinayana“, der im Westen verharmlosend mit „kleinem Fahrzeug“ übersetzt wird. Das Wort „hina“ heißt in Pali und Sanskrit aber nicht „klein“, sondern „schlecht, niedrig, minderwertig“.(4) Klein heißt in Pali „culla“ (Sanskrit „kshulla“). Demnach müsste das sogenannte kleine Fahrzeug Cullayana heißen, bis heute wird es jedoch Hinayana genannt, und das heißt „Schlechtes Fahrzeug“. Noch schwerwiegender ist der Umstand, dass der Begriff Hinayana heute allgemein für den Theravada in Sri Lanka und Südostasien verwendet wird, ohne dessen tatsächliche Sichtweisen zu untersuchen und ungeachtet dessen, dass in den Anfängen des Mahayana mit dem Begriff Hinayana eine ganz andere Schule, nämlich der nordwestindische Sarvastivada (Vaibhashika) gemeint war. Ein Schule, deren Lehre auch vom frühen Theravada (Vibhajjavada) kritisiert wurde und die heute nicht mehr existiert. Gibt es somit einen schlechten Buddhismus in Südostasien, einen mittelguten in Ostasien und einen vollkommenen in Tibet?
    Zieht man die heutige Wissenschaft vom Buddhismus zu Rate, erweist sich die oben aufgezeigte tibetische Darstellung der buddhistischen Schulen zwar als in sich logisch und pädagogisch durchdacht, doch historisch und inhaltlich – als Quelle darüber, was die Schulen des indischen Buddhismus tatsächlich gelehrt haben – als weitgehend unhaltbar. Die tibetische Darstellung ist eine sehr späte theoretische Aufarbeitung und Systematisierung des indischen Buddhismus mit pädagogisch-didaktischer Absicht. Um zu erfahren, was der Theravada lehrt und praktiziert, darf man nicht den tibetischen oder chinesischen Buddhismus befragen, wie umgekehrt der Theravada nicht die kompetente Auskunft über die Sichtweisen des Mahayana sein kann. Wir müssen einerseits die verschiedenen Schulen und Lehrer selber sprechen lassen und uns andererseits auf die authentischen schriftlichen Quellen stützen.

Die sprachlichen Grundlagen der buddhistischen Schulen
Die Lehre und Praxis des Buddha wurde in Indien circa 400 Jahre lang nur mündlich, dann auch schriftlich überliefert. Die mündliche Übertragung galt im frühen brahmanischen Indien als heiligen Texten gegenüber einzig angemessen. Nur das Unwichtige, das man sich nicht merken musste, wie Handelsvereinbarungen, hat man aufgeschrieben. Dies hat jedoch den erheblichen Nachteil, dass nicht erkennbar ist, in welcher Weise sich die Texte und Sichtweisen verändert haben. Wir kennen die Lehre des Buddha Gotama nur in der Form, in der sie in den ältesten schriftlichen Texten verschiedener Traditionen überliefert ist. Das heißt, wir wissen nicht, was der Buddha wirklich gelehrt hat, wir können es nur vermuten. Das bereitet bis heute allen seinen Nachfolgern Probleme und war und ist der Ausgangspunkt für alle unterschiedlichen Ansichten und Schulspaltungen.
    Die Religions- und Kulturgeschichte Indiens stellt uns noch vor ein weiteres Problem, nämlich den Umstand, dass die alten Inder sich für ihre Geschichte wenig interessierten. Sie haben bis zur Eroberung durch die Moslems kaum ernsthafte Geschichtsschreibung betrieben.5 Stattdessen galt die einfache Regel: Was wichtig und wertvoll ist, ist sehr alt und stammt von den großen Weisen der Vergangenheit; was unwichtig und weniger wert ist, ist jünger. Darum mussten alle buddhistischen Lehren und Texte letztlich immer vom Buddha selber stammen, ungeachtet dessen, dass viele erst Jahrhunderte nach ihm auftauchten, zum Teil inhaltlich schwer miteinander zu vereinbaren waren oder gar neue Lehren in Texten erschienen, die älter als die Sutras waren, auf die sie sich angeblich stützten.(6) Das macht die zeitliche Einordnung der Autoren, Texte und Ansichten extrem schwierig. Hinter etlichen berühmten Namen (etwa Nagarjuna) stehen sogar mehrere Personen, die zu unterschiedlichen Zeiten lebten, von denen wir aber kaum etwas wissen.
    Bis heute wissen wir auch nicht, in welcher Sprache der Buddha gelehrt hat. Im Theravada, der uns den Pali-Kanon übermittelt hat, sind viele überzeugt, dass der Buddha natürlich in Pa-li gesprochen hat. Das ist sehr unwahrscheinlich, weil es diese Sprache zur Zeit des Buddha noch gar nicht gab, denn Pali wurde erst von den Nachfolgern des Buddha als Sprache – als Kunstsprache – erschaffen. Der Buddha, so nimmt man heute an, hat wahrscheinlich mehrere Dialekte des vedischen Sanskrit der aus Zentralasien eingewanderten indoarischen Stämme gesprochen. Ziemlich sicher waren das Magadhi und Koshali, die Sprachen der beiden Hauptkönigreiche in der östlichen Gangesebene, jener Gegend, in der sich der Buddha während seiner Lehr- und Wanderjahre vorwiegend aufhielt.

„Ebenso wenig wissen wir über die Entstehung des Pali-Kanon, der einzigen vollständig erhaltenen Sammlung alter buddhistischer Texte in einer indischen Sprache.“

Wie, wo und wann die Pali-Sprache entstanden ist, können wir bis heute nicht sagen. In jedem Falle in einem längeren Entwicklungsprozess aus verschiedenen nordindischen Regionalsprachen (Prakrit). Pali war nie Volkssprache, wir finden es nur in buddhistischen Texten, in keinen anderen. Warum wurden die frühen Lehren nicht in Sanskrit, der heiligen Sprache der Brahmanen überliefert? Weil der Buddha nicht gewünscht hat, dass seine Lehre in einer Sprache tradiert wird, die das Privileg einer elitären Priesterkaste war und die das Volk nicht verstand.
    Ebenso wenig wissen wir über die Entstehung des Pali-Kanon, der einzigen vollständig erhaltenen Sammlung alter buddhistischer Texte in einer indischen Sprache. Die vor allem den Vinaya (Ordenregeln) und die Suttas
(Lehrreden) betreffenden Texte wurden Jahrhunderte lang mündlich weitergegeben. Sie gelten als weitgehend textgetreu, was aber nicht ausschließt, dass bis zu ihrer schriftlichen Abfassung – und die war erst um das Jahr 80 v. u. Z. in Sri Lanka – an einzelnen Stellen Veränderungen, Einschübe, Auslassungen oder Übertragungsfehler eintraten. Vor allem die Bücher des dritten Teils des Pali-Kanon, der Abhidhamma, entstanden erst in den Jahrhunderten nach Buddha und fanden ihre endgültige Fassung ungefähr im 5. Jahrhundert in Sri Lanka. Der Buddhismus in der Fassung des Pali-Kanon kam während der Regierungszeit des buddhistischen Kaisers Ashoka um das Jahr 250 v. u. Z. von Nordindien nach Sri Lanka und wurde vom dortigen König als Staatsreligion etabliert. Diesen Status genießt er hier bis heute. Überwiegend diesem Umstand ist der Erhalt des Pali-Kanons und des Theravada zu verdanken.

„Der Pali-Tipitaka ist nicht, wie viele meinen, die Grundbasis aller buddhistischen Schulen, sondern war bis ins 20. Jahrhundert hinein sowohl dem tibetischen als auch dem chinesischen Buddhismus fast völlig unbekannt.“
Denn in Indien selber gab es schon kurz nach Ashokas Zeit ganz andere Entwicklungen. Die Buddhisten sahen sich umfangreichen Angriffen vonseiten der Brahmanen und ihrer neu aufkommenden religiösen und philosophischen Schulen ausgesetzt. In der stark von theoretischen Debatten geprägten Kultur des alten Indien waren alle Beteiligten – um den Preis ihres ökonomischen Überlebens – gezwungen, überzeugende und tiefgründige Antworten zu geben, konnten dies aber nur tun, wenn sie sich auch in der Sprache der Gebildeten, der Brahmanen äußerten. So übernahmen die nordindischen Schüler des Buddha schon 300 bis 400 Jahre nach ihrem Lehrer doch das Sanskrit als Sprache des Buddhismus.
    Dementsprechend gab es auch bald Lehrredensammlungen des Buddha in Sanskrit, die in Nordindien die Pali-Überlieferung verdrängten, sodass hier ab der Zeit der frühen Mahayana-Sutras (1. Jahrhundert v. u. Z.) fast alle buddhistischen Texte nur noch in Sanskrit abgefasst wurden. Das hatte tief greifende Folgen für die gesamte weitere Entwicklung des Buddhismus. Denn damit war der nur noch in Südindien und Sri Lanka erhaltene Pali-Zweig des indischen Buddhismus von der weiteren, geografisch ohnehin weit entfernten Entwicklung im indischen Nordosten (Magadha) und Nordwesten (Gandhara, Baktrien) abgeschnitten. Umgekehrt war der indische Sanskrit-Buddhismus starken Einflüssen des neu entstehenden Hinduismus wie auch anderer religiöser und philosophischer Strömungen ausgesetzt und ist diesen auch gefolgt.7 Auf der relativ kleinen Insel Sri Lanka gab es die Macht der Brahmanen und die fremden Einflüsse nur in viel geringerem Ausmaß. Auch darum bewahrte der dortige Theravada die Lehre und Praxis des Buddha in der ältesten uns erhaltenen Form.

Die geografische Ausbreitung der buddhistischen Schulen
Da der Pali-Kanon schon wenige Jahrhunderte nach Buddha in Nordindien in Vergessenheit geriet, waren dieser und der Theravada dem Mahayana Zentral-und Ostasiens und zuletzt Tibets nicht mehr bekannt. Er wurde in seiner Gesamtheit nie in eine der dortigen Sprachen übersetzt. Der Pali-Tipitaka (mit den drei Teilen Vinaya, Sutta, Abhidhamma) ist deshalb nicht, wie viele meinen, die Grundbasis aller buddhistischen Schulen, sondern war bis ins 20. Jahrhundert hinein sowohl dem tibetischen als auch dem chinesischen Buddhismus fast völlig unbekannt. Von daher gibt es auch in den späteren indischen wie außerindischen Mahayanaoder Vajrayana-Texten keinen wirklichen Bezug oder Hinweis mehr auf ihn.
Das sprachliche Fundament, auf dem sich das Mahayana in Indien entwickelte, war das Sanskrit und die darin abgefassten Texte. Auch jene frühbuddhistischen Schulen, die vom Mahayana dann Hinayana genannt wurden – die Sarvastivadin mit ihren Unterschulen Vaibhashika und Sautrantika – waren keineswegs Pali-, sondern ebenfalls Sanskrit-Schulen. Parallel zum Pali-Kanon entwickelten sie in der Zeit nach Ashoka einen eigenen Sanskrit-Kanon (Sutra-Agama). Er stellt die älteste Textgrundlage des Mahayana-Buddhismus dar. Doch ist der – im Unterschied zum Pali-Kanon, der vollständig überliefert ist – nur noch in Bruchstücken vorhanden, die Mehrzahl der Texte ging verloren. Indessen gibt es eine weitgehend vollständige, aber fehlerhafte Übersetzung ins Chinesische. Die deckt sich auch nur teilweise mit dem Pali-Kanon.8 Die fünfte Sammlung des Pali-Kanon, der Khuddaka-Nikaya, fehlt im Chinesischen und Tibetischen weitgehend, und die verschiedenen Versionen des Sanskrit-Abhidharma sind in Text, Aufbau und Inhalt sehr verschieden vom Pali-Abhidhamma des Theravada.
    Auf Tibetisch existiert auch keine vollständige Übersetzung der frühen Sanskrit-Sutras,9 nur einige davon sind in den Kanjur aufgenommen worden. Jener besteht vorwiegend aus späteren Mahayana-Sutras.(10) Das heißt, die Tibeter kannten nicht nur den Pali-Kanon nicht, sondern auch kaum den alten Sanskrit-Kanon. In ihren Aussagen über das „Hinayana“ beziehen sie sich darum auch nicht auf die frühen Paliund Sanskrit-Sutras, sondern auf die Ansichten der oben aufgezeigten, späteren philosophischen buddhistischen Schulen Indiens. Warum? Weil die frühen tibetischen Buddhisten, die vom 8. bis 12. Jahrhundert den Dharma aus Nordindien übernahmen oder übermittelt bekamen, nur noch dessen späteste Form kennenlernten. Die Interpretation des Buddhismus, auf den sie sich bis heute stützen, stammt aus einer Zeit, die circa 1 500 Jahre nach Buddha lag.
    Durch die immer stärkere Ausbreitung des Hinduismus in Indien und die Abkehr der Fürsten und der einfachen Landbevölkerung vom Buddhismus war dieser zu jener Zeit auch erheblich geschwächt, ja im Niedergang. Darum konnte er während der zweiten buddhistischen Missionierung Tibets von den moslemischen Eroberern Nordindiens im 12. Jahrhunderts ohne Widerstand weitgehend vernichtet werden. Der Sanskrit-Buddhismus der Universitäten von Nalanda und Vikramashila hatte kein Wissen mehr über den Pali-Buddhismus des Südens. Was es zu jener Zeit noch an Kenntnissen über die Lehren des frühen Buddhismus gab, waren die Texte aus den vergangenen philosophischen Streitigkeiten der Mahayana-Schulen mit den Sarvastivadin.
    Das alles heißt, dass sich der Buddhismus schon sehr früh, wahrscheinlich bereits vor oder zu Beginn unserer Zeitrechnung, in zwei getrennte sprachliche, inhaltliche und geografische Zweige aufgeteilt hatte, zwei Strömungen, die sich danach kaum noch begegneten, aufeinander bezogen oder zur Kenntnis nahmen, nämlich: einen südlichen Pali-Zweig und einen nördlichen Sanskrit-Zweig. Beide breiteten sich fortan unabhängig voneinander in verschiedene Regionen Asiens aus. Der auf der Pali-Sprache beruhende Theravada-Buddhismus kam auf dem Seeweg von Südindien und Sri Lanka aus nach Südostasien. Der auf der Sanskrit-Sprache beruhende Sarvastivada- und Mahayana-Buddhismus gelangte vom damaligen Nordwestindien (Kaschmir, Pakistan, Afghanistan) aus über die Seidenstraße nach Zentralasien, Ostasien und Tibet. Erst heute – circa 2 000 Jahre nach ihrer Trennung – treffen sich die buddhistischen Schulen wieder, vor allem nun in Europa und Nordamerika. Es bleibt die Frage, ob sie auch dazu bereit sind, sich gegenseitig ernsthaft zu respektieren und von altgewohnten, aber unzutreffenden Sichtweisen zu befreien.

Zusammenfassend: es gibt inhaltlich wie historisch – was den Gesamtbuddhismus angeht – keine Stufenfolge von Hinayana-, Mahayana- und Vajrayana-Buddhismus oder eines Sravaka- und eines Bodhisattva-Fahrzeugs, sondern zunächst einen frühen indischen Buddhismus, für den heute international der Begriff Nikaya-Schulen in Gebrauch gekommen ist. Von dem wissen wir aber nur sehr wenig. Daran anschließend, nach Kaiser Ashoka, vollzieht sich die Aufteilung in einen südlichen Pali-Buddhismus und einen nördlichen Sanskrit-Buddhismus. Aus dem südlichen Zweig ist der Theravada hervorgegangen. Er hat sich nicht weiter gespalten, nur regional differenziert. Der nördliche Zweig hat sich in eine Vielzahl von Unterschulen aufgeteilt und zum Mahayana weiterentwickelt. Aus einem kleinen und sehr späten Zweig ging der indische Tantrismus hervor. Die Unterscheidung Hinayana, Mahayana, Tantrayana und die vier philosophischen Schulen ist eine innerhalb des tibetischen Buddhismus selbst und sollte darum auch nur für diesen, für den eigenen Stufenweg verwendet werden. Sie hat nichts mit den anderen buddhistischen Traditionen zu tun. Würde im Hinblick auf die buddhistische Schulgeschichte dieses Verständnis und dieser Sprachgebrauch praktiziert, hätten die nicht-tibetischen Schulen keine Probleme mehr mit dieser Darstellung und die Hauptquelle für innerbuddhistischen Konflikt wäre beseitigt.

Anmerkungen:
1 Dominique Side: Buddhismus. Ein Grundlagenwerk für Lehrende, Lernende und alle Interessierten, Zeuthen 2010 (in Kooperation mit der DBU)
2 Geshe Lhündub Söpa, Jeffrey Hopkins: Der Tibetische Buddhismus, München 1979
3 Khenpo Tsültrim Gyamtso Rinpoche: Stufenweise Meditationsfolge über Leerheit, Mechernich 1994
4 Siehe dazu den Beginn der ersten Lehrrede des Buddha in Sarnath, Mahavagga I 6.
5 Wie das zur gleichen Zeit die Griechen, Römer und Chinesen praktizierten.
6 Siehe dazu z. B. die Forschungsarbeit von Prof. Lambert Schmithausen zur Yogacara-Schule an der Uni Hamburg.
7 Dies waren insbesondere der griechisch-römische Hellenismus, die persische Zarathustra-Religion und der Jainismus.
8 Siehe dazu die vergleichende Textforschung der Pali-Nikayas mit den chinesischen Agamas durch den Theravada-Mönchsgelehrten Bhikkhu Analayo an der Uni Hamburg.
9 Dies betrifft hauptsächlich den als Hinayana bezeichneten Sanskrit-Kanon der Sarvastivada-Schule.
10 Das ist die Vielzahl der umfangreichen Sanskrit-Mahayana-Sutras, die bis ins 6. Jh. erschienen.

Franz-Johannes Litsch ist seit 50 Jahren auf dem Weg des Buddha und hat hierbei in Lehre und Praxis und durch zahlreiche Asienreisen alle großen Schulen des Dharma (Theravada, Mahayana, Vajrayana) kennengelernt. Er war acht Jahre Mitglied des Rates der DBU und ist heute Vorstandsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin. Die Gemeinsamkeit und das gegenseitige Verstehen der unterschiedlichen buddhistischen Traditionen war ihm von früh an ein wichtiges Anliegen, dem er sich in den letzten zwölf Jahren durch gründliches Studium der buddhistischen Philosophie und Geschichte intensiv gewidmet hat.

Quelle: BUDDHISMUS aktuell 3 |12
© Bruno Baumann | Dieter Glogowski
INNERBUDDHISTISCHER DIALOG

Schreibe einen Kommentar